Das Heizen mit Holzpellets aus regionalen Wertschöpfungsketten ist ökologisch und ökonomisch nachhaltig

Seit wir uns als Einkaufsgemeinschaft für Holzpellets auch für die Wiederaufforstung engagieren, erreichen mich durchaus auch komplizierte Fragen. „Ist die natürliche Waldregeneration nicht viel nachhaltiger als die gezielte Wiederaufforstung?“ – wollten manche im Kontext unserer Spendenaktion wissen. Neumitglieder, die z.B. gerade ein Haus mit Pelletsheizung gekauft haben, fragen mich gelegentlich sogar, ob es überhaupt „ökologisch vertretbar“ sei, mit Pellets zu heizen. Höchste Zeit also für ein Experten-Interview.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Dietrich Borchardt (Foto), durfte ich diese Fragen jüngst diskutieren. Dietrich Borchardt ist Hydrobiologe, Leitender Wissenschaftler und Berater für den Vorstand des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung-UFZ, Sprecher der Helmholtz-Themenkampagne „Wassersicherheit für Mensch und Umwelt im 21. Jahrhundert“ und als Seniorprofessor an der TU Dresden gewiss einer der renommiertesten Umweltwissenschaftler unseres Landes. Und als Privatperson seit Gründung Mitglied unserer Einkaufsgemeinschaft für Holzpellets.

Herr Borchardt, die unter uns Pelletheizern „ketzerische“ Frage: Ist Holz ein nachwachsender Rohstoff, ist das Heizen mit Holzpellets überhaupt nachhaltig bzw. ökologisch korrekt?

Der Begriff Nachhaltigkeit wurde sogar in der Forstwirtschaft erfunden. Bereits 1713 beschreibt Hans Carl von Carlowitz, königlich-polnischer und kurfürstlich-sächsischer Kammer- und Bergrat, dies als Balance, aus den produktiven Kreisläufen der Natur nicht mehr zu entnehmen, als durch Säen und Pflanzen nachwächst. Das Prinzip gilt sowohl für die Forstwirtschaft wie für die Wasserwirtschaft, die beide Holz und Wasser in einem ausgewogenen regionalen Kreislauf schon immer für die Daseinsvorsorge der Bevölkerung genutzt haben und dies auch weiterhin anstreben. Wenn man nicht mehr entnimmt, als entsteht oder nachgeliefert wird, kann daraus ein nachhaltiger bioökonomischer Kreislauf werden, in dem Wasser und Holz nicht verbraucht, sondern ihr nutzbringender Wert lediglich gebraucht wird. Gerade das deutsche System der kommunalen Wasserversorgung ist in Sachen Versorgungssicherheit und Trinkwasser-Qualität ein besonders gelungenes Beispiel dafür.

Die Wertschöpfungskette vom Baum bis zu den Pellets in unserem Lager ist schon mit Blick auf die zwei Millionen Waldeigentümer vielfach komplexer. Anfangs waren wir wenigen Holzpellets-Heizer der Beachtung des Marktes kaum wert – und es gab auch noch genug nahe Sägewerke und Möbelfabriken, deren Sägemehl und Schnittreste die geringe Nachfrage leicht bedienten. Die Situation hat sich binnen 20 Jahren komplett geändert: Heute ist die – ich betone: regionale – Pellets-Produktion ein bedeutender Verwerter des in unseren Mittelgebirgswäldern im Überfluss anfallenden Kalamitätsholzes.

Und um ihre Frage zu beantworten: Im Sinne der von mir beschriebenen Bioökonomie, halte ich das Heizen mit Holzpellets aus regionalen Wertschöpfungsketten für ökologisch und ökonomisch nachhaltig.

Was hat es mit dem Begriff „Kalamitätsholz“ auf sich? Wer nicht so im Thema ist, wird das Wort vielleicht zum ersten Mal hören.

Infolge der seit 2018 anhaltenden Dürreperiode sind viele in der Nachkriegszeit angelegten Fichten-Plantagen flächendeckend abgestorben. Dieses Holz ist zudem oft so stark vom Borkenkäfer und Sekundärschädlingen befallen, dass es mangels Tragfähigkeit nicht einmal als Bauholz taugt. Dann spricht man von „Kalamitätsholz“. Derzeit haben wir in Deutschland mehr als 500.000 Hektar solcher Kalamitätsflächen, die aufgrund der Waldschäden in den nächsten Jahren wiederbewaldet werden müssen, das ist die doppelte Größe des Saarlandes. Kalamitätsholz als Basis-Rohstoff für die nachhaltige, regionale Pellets-Produktion wird uns – so bedauerlich das Waldsterben auch ist – so schnell nicht ausgehen.

Wiederaufforsten oder der Natur ihren Lauf lassen? Was meinen Sie?

Leider führt die „natürliche Sukzession“, also der Natur ihren Lauf zu lassen, im Forst nicht automatisch zu widerstandsfähigen, resilienten Wäldern. Dafür ist der Anpassungsdruck durch den Klimawandel bereits zu groß. Zudem: Wo 60 Jahre Fichten-Plantagen standen, werden ohne aktive Wiederbewaldung kaum von alleine an künftige Dürren angepasste, ertragreiche Mischwälder entstehen.

Im Einzelfall mag das gelingen. Angesichts der riesigen Flächen – 30% der Fläche in Deutschland sind Wald – und der Bedeutung der Forstwirtschaft bei der notwendigen Klimaanpassung, halte ich eine aktive Wiederbewaldung mit Augenmaß auf diesen Flächen für den richtigen Weg. Und auch mit Blick auf den naturnahen Wasserhaushalt – mein Forschungsgebiet – sind gesunde Wälder von zentraler Bedeutung.

Bitte erläutern Sie den Zusammenhang von Wald und Wasserversorgung.

Wasser, genauer Trinkwasser, wird bei zunehmenden Dürreperioden zu einer der Schlüsselressourcen des 21. Jahrhunderts. Dasselbe gilt für das Beherrschen der immer häufigeren regionalen Starkregen. Daher sollten wir den Wasserkreislauf klimaangepasst nutzen und schützen.

Gesunde Wälder halten Wasser nicht nur in der Vegetation und als Bodenfeuchte zurück und unterstützen damit die kontinuierliche Grundwasserneubildung. Wälder binden bereits im Aufwuchs bei der Photosynthese erhebliche Mengen CO2 und verdunsten dabei Wasser und Sauerstoff – wir Hydrologen nennen das „grünen Wasserfluss“. Nur was Böden und Vegetation, gerade nach lokalen Starkregen, nicht halten können, fließt zwangsläufig und im Einzelfall mit fatalen Folgen als Hochwasser über die Oberflächenwasser ab.

Im Ahrtal hat das – wohlgemerkt innerhalb einer Dürre-Periode – nicht nur zu vielen Opfern und menschlichem Leid, sondern auch zu mehr als 35 Milliarden Euro monetären Schaden geführt, die von Privatpersonen, Versicherungen und der Allgemeinheit getragen werden müssen. Gerade diese Flutkatastrophe hat wieder gezeigt, dass man nicht erst handeln darf, wenn die Krise da ist.

Herr Borchardt, Sie fordern „Wassermündigkeit“. Was soll das sein?

Es ist wie bei allem, was uns zu einem relativ geringen Preis jederzeit verfügbar ist – und uns deswegen selbstverständlich erscheint. Daher fehlt vielen das Bewusstsein, dass Trinkwasser ein wertvolles Nahrungsmittel ist. Selbst meine Studenten in den ersten Semestern wissen in der Regel nicht, wieviel Trinkwasser sie täglich gebrauchen, noch wie sich dieser Verbrauch im Alltag zusammensetzt, noch was sie dafür bezahlen.

Unser Wasser geht dabei ja nicht verloren, wir verbrauchen es nicht, wir gebrauchen es. Es fließt als Dienstleistung unseres kommunalen Wasserversorgers in Trinkwasserqualität durch unsere Wasseruhr und verlässt uns als Schmutzwasser in die Kanalisation. Bei diesem Gebrauch verschmutzen wir das Wasser, mit Fäkalien natürlich, aber auch mit waschaktiven Substanzen (Tensiden) beim Duschen oder im Geschirrspüler, mit Haushaltsreinigern, mit Farbresten, mit Mikroplastik, mit Medikamenten, die Liste ist endlos. Und natürlich verschmutzen andere, andernorts ihr Wasser, wenn sie für uns Konsumprodukte herstellen, beim Transport zu uns sowie bei der Entsorgung unserer Abfälle. Auch die Nahrungsmittelproduktion in Landwirtschaft, dem verarbeitenden Gewerbe und der Nahrungsmittelindustrie ist auf das engste mit Wassergebrauch verbunden. Das durch unseren täglichen Gebrauch im Haushalt verschmutzte Abwasser jedenfalls muss und wird von den kommunalen Entsorgern lokal geklärt und danach dem Wasserhaushalt wieder zugeführt. Das ist vorbildlich, aber hat auch seinen Preis, wie jeder auf der Wasser- und Abwasserrechnung sehen kann.

Wären wir uns dieses bioökonomischen Kreislaufs zu unser aller Nutzen bewusster – das verstehe ich unter Wassermündigkeit – würden wir unserem Trinkwasser den Stellenwert einräumen, den es längst verdient. Und niemand käme mehr auf die Idee, Chemikalien, Spritzmittel- oder Farbreste in die Kanalisation oder Medikamente einfach so in der Toilette zu entsorgen. Dann brächten wir die Reste zum Schadstoffmobil und die abgelaufenen Medikamente zurück in die Apotheke. Oder würden eben keine Nahrungsmittel konsumieren, die aus Sicht des Wasserkreislaufs nicht nachhaltig produziert worden sind.

Herr Borchardt, ich danke Ihnen im Namen unserer Mitglieder für dieses interessante Gespräch.

Wer nach diesem Interview mehr über Prof. Borchardts wissenschaftliches Feld, die Hydrobiologie, erfahren will, dem empfehle ich zum Einstieg den via YouTube zugänglichen Vortrag „Wasser-Ressourcen im Zeichen des Klimawandels“, den Prof. Borchardt im Rahmen der Reihe Wissenschaft für jedermann im November 2024 im Auditorium des Deutschen Museum hielt.

https://www.youtube.com/watch?v=rZ6zlugtPuY